
Strategie & Prozess
Ein Techniker klärt im Kundengespräch Dinge, die der Vertriebler vor drei Wochen hätte fragen sollen. Der Kunde denkt: Wie unprofessionell ist das?
Drei Parteien, eine Situation: Der Vertriebsmitarbeiter hat beim Erstgespräch abgeholt, was er konnte. Der Consultant bekommt die Anfrage und merkt, dass die Hälfte der technischen Details fehlt. Der Kunde wartet und fragt sich, warum das so lange dauert.
Niemand hat einen Fehler gemacht. Und trotzdem funktioniert es nicht.
Das beschreibt keine Ausnahme. In mehr als 60 Prozent der B2B-Unternehmen definieren Vertrieb und Lieferseite nicht einmal denselben Begriff des qualifizierten Leads. Was als technisches Detail klingt, hat konkrete Auswirkungen: längere Verkaufszyklen, mehr interner Aufwand, und Kunden, die das Chaos miterleben.
In IT-Systemhäusern zeigt sich diese Reibung an drei sehr konkreten Stellen.
Warum die Schnittstelle im IT-Systemhaus so kritisch ist
Anders als in einem reinen Produktunternehmen ist im IT-Systemhaus jedes Angebot individuell. Vertrieb kann nicht allein verkaufen. Technik muss früh eingebunden werden. Und genau diese Abhängigkeit macht die Schnittstelle zwischen beiden Seiten zum kritischsten Punkt im Unternehmen.
Wenn diese Schnittstelle nicht sauber definiert ist, entstehen drei typische Bruchstellen: in der Vorphase des Projekts, bei der Übergabe in die Umsetzung, und im laufenden Betrieb danach. Alle drei kosten Zeit, Geld und Kundenvertrauen.
Bruchstelle 1 – Das Ping-Pong vor dem Angebot
Der häufigste Fehler passiert, bevor überhaupt ein Angebot erstellt wird.
Vertrieb führt ein Erstgespräch mit einem potenziellen Kunden. Er hört zu, notiert grob, was der Kunde will, und gibt die Anfrage weiter an den Consultant oder Pre-Sales. Der Consultant schaut sich die Notizen an und merkt sofort: Es fehlen die Hälfte der Informationen, die er braucht, um technisch sauber zu kalkulieren.
Also schreibt er dem Vertriebler. Der Vertriebler fragt beim Kunden nach. Der Kunde antwortet am nächsten Tag. Eine Information fehlt noch, also noch eine Mail. Dann eine Rückfrage zu einer technischen Einschränkung, die der Vertriebler nicht versteht und deshalb falsch weitergibt. Drei Tage für etwas, das in einem einzigen strukturierten Erstgespräch hätte geklärt werden können.
Aus Kundenperspektive sieht das nicht nach einem effizienten Unternehmen aus. Es sieht nach einem aus, bei dem die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut.
Warum das passiert: Es gibt keine gemeinsam definierte Schnittstelle. Niemand hat je festgelegt, welche Informationen Technik minimal braucht, damit sie mit der Angebotserstellung beginnen kann. Also bewegen sich beide Seiten mit unterschiedlichen Erwartungen aufeinander zu.
Die Lösung liegt nicht in mehr Kommunikation, sondern in einer definierten Übergabe: Was muss auf der einen Seite geliefert sein, bevor die andere Seite einbezogen wird? Solange diese Frage nicht gemeinsam beantwortet ist, bleibt das Ping-Pong die Regel.
Unternehmen mit klar definierten Übergabeprozessen haben 30 Prozent kürzere Verkaufszyklen und schließen deutlich mehr Deals ab, als Unternehmen ohne diese Grundlage.
Bruchstelle 2 – Die Übergabe, die keine ist
Der Deal ist gewonnen. Jetzt beginnt das Projekt. Und hier entsteht die zweite Bruchstelle.
Was Vertrieb im Gespräch mit dem Kunden verstanden hat, was im Angebot steht, und was der Techniker braucht, um das Projekt sauber umzusetzen, sind oft drei verschiedene Dinge.
In IT-Projekten häufen sich typische Übergabefehler: Technische Rahmenbedingungen beim Kunden wurden im Vertriebsprozess nicht analysiert, weil niemand danach gefragt hat. Der Zustand der bestehenden Infrastruktur ist unbekannt. Informationen aus Kundengesprächen wurden nicht dokumentiert, nur mündlich weitergegeben. Sonderanforderungen, die der Kunde beiläufig erwähnt hat, stehen nirgends.
Wenn das Projekt startet, tauchen diese Lücken auf. Der Techniker muss Informationen nachholen, die eigentlich schon vorlagen. Zeitpläne verschieben sich. Scope-Diskussionen beginnen, weil Kunde und Systemhaus unterschiedliche Erinnerungen an das haben, was vereinbart war.
Laut Gartner involvieren nur 3 von 15 typischen Vertriebsaktivitäten eine echte cross-funktionale Abstimmung. Das bedeutet: Die meisten Schritte im Verkaufsprozess passieren ohne Rückkoppelung an die Lieferseite. Was dabei verloren geht, zeigt sich erst im Projekt.
Das Fundament ist eine definierte Übergabe: Was muss dokumentiert vorliegen, bevor ein Projekt startet? Und ab welchem Punkt im Prozess wird Technik verbindlich eingebunden, nicht ad hoc? Die Antworten darauf sind je nach IT-Dienstleister verschieden. Aber ohne Antworten bleibt die Übergabe das schwächste Glied im gesamten Prozess.
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Abbildung 1: Drei Bruchstellen zwischen Vertrieb und Technik. Jede entsteht an einem anderen Punkt im Prozess, alle kosten Geld und Kundenvertrauen.
Bruchstelle 3 – Die Signale, die niemand weitergibt
Die dritte Bruchstelle ist die, die am häufigsten übersehen wird. Und sie ist die teuerste.
Techniker und Consultants verbringen täglich Zeit mit bestehenden Kunden. Sie sehen, wie die Infrastruktur aussieht. Sie hören, was der Kunden plant. Sie bemerken, wenn etwas veraltet ist, wenn Kapazitäten knapp werden oder wenn der Gesprächspartner beiläufig erwähnt, dass gerade eine neue Niederlassung aufgebaut wird.
Das sind Kaufsignale. Konkrete Hinweise darauf, dass ein Bedarf entsteht. Und sie landen nirgends.
Nicht weil der Techniker unaufmerksam wäre. Sondern weil es keinen Prozess gibt, über den er diese Information an den Vertrieb weitergibt. Kein Feld im Ticket-System. Kein monatliches kurzes Update. Keine gemeinsame Sicht auf den Kunden zwischen Service und Vertrieb.
Das Ergebnis: Vertrieb erfährt von einem Kundenbedarf, wenn der Kunde bereits ein Angebot vom Mitbewerber eingeholt hat. Oder gar nicht.
Dabei ist der Techniker, der beim Kunden vor Ort arbeitet, die wertvollste Quelle für neue Vertriebschancen. Er hat Vertrauen. Er kennt die Situation. Er wird nicht als Verkäufer wahrgenommen. Unternehmen, die diesen Feedback-Loop zwischen Serviceseite und Vertrieb strukturiert nutzen, berichten von deutlich höheren Konversionsraten bei Bestandskunden als Unternehmen, die Neukundengeschäft und Bestandskundenbetreuung getrennt behandeln.
Der Schlüssel liegt in einer strukturierten Verbindung zwischen Service und Vertrieb. Techniker sollen dabei keine Verkäufer werden. Sie sollen nur weitergeben, was sie ohnehin sehen. Wie diese Verbindung konkret aussieht, hängt von Teamgröße, Tools und Unternehmenskultur ab. Aber ohne sie bleibt das wertvollste Wissen im Unternehmen dort, wo es entstanden ist: beim Techniker, der täglich beim Kunden ist und nichts davon weitergibt.
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Abbildung 2: Drei strukturelle Maßnahmen, eine pro Bruchstelle. Die Grundlage ist immer ein gemeinsam definierter Prozess, kein Appell an bessere Kommunikation.
FAQ
Warum klappt die Abstimmung zwischen Vertrieb und Technik in kleinen IT-Systemhäusern oft besser?
Weil sie über persönliche Beziehungen und kurze Wege läuft. Alle kennen alle, Abstimmung passiert per Zuruf. Sobald das Unternehmen wächst, skaliert dieses Modell nicht mehr. Ab etwa 20 bis 30 Mitarbeitern braucht es formale Strukturen, weil informelle nicht mehr zuverlässig funktionieren.
Was ist der erste Schritt, um das Ping-Pong zu stoppen?
Vertrieb und Technik müssen einmal gemeinsam definieren, was an der Schnittstelle geliefert werden muss, bevor die jeweils andere Seite aktiv wird. Solange diese Frage nicht beantwortet ist, arbeiten beide mit unterschiedlichen Erwartungen. Die Lösung ist nicht kompliziert, aber sie braucht die richtige Struktur und Moderation.
Wie verhindert man, dass die Übergabe zur bürokratischen Pflichtübung wird?
Indem sie nicht für die Ablage, sondern für die tatsächliche Arbeit des Empfängers gestaltet wird. Übergaben scheitern fast immer dann, wenn sie von oben verordnet statt gemeinsam entwickelt werden. Was genau das für ein IT-Systemhaus bedeutet, hängt von seinen Prozessen ab.
Müssen Techniker künftig Vertriebsaufgaben übernehmen?
Nein. Das ist der häufigste Einwand, und er ist berechtigt. Ein Techniker soll kein Verkäufer werden. Er muss nur ein Signal weitergeben, wenn er etwas hört, das relevant sein könnte. Das dauert 30 Sekunden und einen Eintrag im CRM. Die Qualifizierung und das Gespräch übernimmt der Vertrieb.
Wie misst man, ob sich diese Strukturmaßnahmen lohnen?
Über drei Kennzahlen: die Zeit vom ersten Kundenkontakt bis zum fertigen Angebot (sollte kürzer werden), die Anzahl der Nachfragen nach Projektstart (sollte sinken), und die Anzahl der Vertriebschancen, die aus dem Bestandskundengeschäft kommen (sollte steigen). Alle drei lassen sich im CRM messen, wenn die Datenbasis sauber ist.
Wenn in deinem IT-Systemhaus Vertrieb und Technik mehr Zeit mit internen Abstimmungen verbringen als mit dem Kunden, steckt das Problem in der Struktur. Lass uns darüber sprechen, wo die größte Bruchstelle liegt. Zum Kontakt
Quellen
Revenue Memo: Sales and Marketing Alignment Statistics
Gartner: Gartner Survey Reveals Marketing and Sales Functions Collaborate on Only Three Out of 15 Commercial Activities (Juni 2024)
Sopro: Sales and Marketing Alignment Statistics Report
Forrester: Revenue Alignment Research
Foto: Laurin Steffens auf Unsplash


